Leichtathletik- und Breitensportverein Achern 

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"Das Motto heißt: Jeden Tag kämpfen"

Aufopferungsvoll pflegende Mutter eines tetraspastisch gelähmten Kindes bekommt Bundes-Verdienstmedaille

(aus ABB, Dienstag 03.03.09, von Gertrud Siefke)

Offenburg: Bei den Schmitts ist schon lange nichts mehr wie früher. In der Küche steht ein spezieller Heimtrainer. Im Gang stößt man auf einen so genannten Stehbarren, der es spastisch gelähmten Menschen ermöglicht, aufrecht zu essen. Christians Zimmer ist mit Sprossenwand, Therapiebahnen und weiteren Gerätschaften ausgestattet. Das Bad ist behindertengerecht ausgebaut. Im einstündigen Gespräch fällt das Wort "behindert" allerdings lediglich im Zusammenhang mit der Schule, die Christian einige Jahre besucht hatte, die Schule für Körperbehinderte in der Platanenallee in Offenburg.

Mutter Mechthilde spricht von "Christian", von "meinem Schatz" und davon, dass "wir ein tetraspastisch gelähmtes Kind" haben. Tetra kommt aus dem Griechischen und heißt vier. Von Tetraspastik ist die Rede, wenn alle vier Extremitäten, Arme und Beine, betroffen sind. Zehn Monate nach der Geburt war klar, dass sich Christian nicht so entwickelte wie andere Kinder. "Körperlich war er weit hintendran", schildert die Mutter die Situation. Das war vor 30 Jahren. Seither heißt das Motto für sie: "Jeden Tag kämpfen." Für diesen Kampf erhält die 57-Jährige jetzt die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Diese Anerkennung ist für die Mutter etwas ganz Besonderes – vielleicht gerade deshalb, weil sie sich die ganze Zeit selbstverständlich um ihren Sohn gekümmert hat: "Ich habe mir gar nichts gedacht dabei." Er ist ihr Lebensmittelpunkt. Wenn es Christian gut geht, wenn er sein tief glucksendes Lachen lacht, weiß sie, dass sich ihr ganzer Einsatz gelohnt hat: "Ich bin glücklich darüber, dass ich es machen darf." Solange sie hier auf Erden sei, wolle sie es tun, auch wenn sie weiß: "Ich brauche Kraft wie ein Bär."

Mechthilde Schmitt mit ihrem 30-jährigen Sohn Der Tag von Mechthilde Schmitt beginnt um 5.30 Uhr. Um 6 Uhr erhält ihr Sohn eine leichte Massage. Dann geht es ins Bad. Sein Frühstück nimmt der junge Mann am Stehbarren ein, das Schlucken fällt ihm schwer, seine Mutter füttert ihn. Dann ist eine gute Stunde Turnen angesagt, Bewegungsübungen stehen auf dem Programm, damit sich die verkrampfte Muskulatur lockert. Mit Hilfe eines "Powertalker", über den sich gespeichertes Vokabular abrufen lässt, vermag sich Christian zu verständigen. Inzwischen kann er selbst mit einem Finger auf einer großen Tastatur schreiben; Kopfrechnen war schon immer seine Stärke. "Es gibt Fortschritte", freut sich die Mutter, die freilich weiß, dass sie am Ball bleiben muss: "Wenn ich aufgebe, geht die ganze Entwicklung zurück."

Nachmittags fährt Christian mit einem umgebauten Fahrrad acht Kilometer durch die Gegend, seine Mutter läuft nebenher und hält ihm eine Hand, die sich sonst unkoordiniert bewegen würde. Dieser Anblick ist den Bewohnern von Weier vertraut: der Christian auf dem Fahrrad mit seiner Mutter. Nur am Sonntag gibt es nicht das volle Programm.

Mechthilde Schmitt hat nie daran gedacht, ihren Sohn in ein Heim zu geben: "Ich kann nie von anderen mehr verlangen als von mir." Nicht einmal genauso viel. Durchschlafen ist ein Fremdwort. Ihr zur Seite stehen Ehemann Manfred, der als geschickter Heimwerker manch wertvolles Hilfsmittel angefertigt hat, und Tochter Annette (37), die regelmäßig vorbeischaut. Mit zäher Ausdauer hat Mechthilde Schmitt unglaublich viel erreicht, wobei für sie klar ist: "Für mich darf ich keine Zeit haben." Steht ein Festbesuch an oder soll es in den Urlaub gehen, ist Christian immer dabei: "Er ist die Hauptperson." Als empfohlen wurde, Christian in ein Gipsbett zu legen, hat sie sich erfolgreich dagegen gewehrt, indem sie das tägliche Übungsprogramm erhöht hatte. Viele Ärzte wurden konsultiert, bis in die Ukraine zu einem ausgewiesenen Fachmann gingen die Fahrten. Bis heute hilft die unermüdliche Fürsorge der Mutter am meisten.

Die Ehrung für diese Fürsorge erfolgte am 3. März 2009 durch OB Edith Schreiner im Ökumenischen Gemeindezentrum.